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Donnerstag, 9. September 2010

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Das Ende von Multi-Kulti?

22.07.2005 10:37

 

Das Ende von Multi-Kulti?

Der Imam einer Moschee in Neubau ließ mit fundamentalistischen Aussagen aufhorchen. Nun muss die islamische Gemeinde in ihrer Auseinandersetzung mit dem Fundamentalismus unterstützt werden.  

Neubau ist Vielfalt

Neubau ist Vielfalt. Menschen unterschiedlichster Lebensentwürfe leben im Siebten Wiener Gemeindebezirk miteinander. Sie können die Vielfalt nutzen, aus der Neues entsteht. Neubau wurde so zu einem dynamischen, offenen und lebendigen Bezirk. Diese unterschiedlichen Lebensentwürfe spiegeln sich auch in den verschiedenen Religionsgemeinschaften wieder, die in diesem Bezirk ihre Heimat gefunden haben und immer wieder wichtige Partner für den Bezirk darstellen. Möglich wird diese Zusammenarbeit aber nur durch das Klima der Toleranz und des gegenseitigen Respekts, in dem sich die Religionsgemeinschaften begegnen.

Mitten in diese Neubauer Idylle hinein platzt dann plötzlich ein Interview in der Presse mit dem Imam einer Moschee. Diese Moschee liegt mitten in Neubau. Zwar wird beteuert, sich durchaus im Einklang mit der österreichischen Rechtsordnung zu befinden, allein das sonst Gesagte löst ein leichtes Schaudern aus. Was tut sich hier in Neubau, wer sind diese Leute, was planen sie?

Multi-Kulti am Ende?

Der Phantasie sind angesichts dieses Interviews kaum Grenzen gesetzt. Der Terror scheint plötzlich ein Gesicht zu haben, eines, das man beim Einkaufen auf der Mariahilfer Straße vielleicht schon einmal gesehen hat. Auf einmal wird der türkische Gemüsehändler zur Bedrohung, die Frau mit dem Kopftuch zur radikalen Islamistin, die Fußball spielenden Kinder im Park zur nächsten Generation der Dschihad-Kämpfer. Und alles mitten unter uns! Das ist es also, was bei Toleranz und Offenheit herauskommt. Na, dann doch lieber Schluss mit lustig, und pfeif auf das Miteinander, wenn das dann das Ergebnis ist.

Wenn Regeln, die das Zusammenleben gestalten, in Frage gestellt oder verworfen werden, erzeugt das in erster Linie Unsicherheit. Vertrautes wird plötzlich fremd, und Angst lähmt das klare Denken. Ein „Window of Opportunity“ öffnet sich für alle, die dem multikulturellen Treiben ohnehin schon immer ablehnend gegenüberstanden, für die Toleranz ein verweichlichtes Konzept ist, das den Kampf der Kulturen verhindert.

Es geht auch anders!

Aber es geht auch anders. Wenn Menschen glauben, die einzige Wahrheit zu besitzen und ihr Leben danach ausrichten, so mag das jedem unbenommen sein. Einzuschreiten ist allerdings, wenn sich die Freiheit des Einen nur durch eine Einschränkung eines Anderen verwirklichen lässt. Hier sind demokratische Grundwerte auf dem Prüfstein. Es ist zu durchleuchten, inwieweit unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit oder auch der Meinungsfreiheit totalitäre oder demokratie- feindliche Tendenzen vorhanden sind, die weder mit Grund- noch mit Menschenrechten vereinbar sind. Dies zu prüfen, zu beurteilen und entsprechende Maßnahmen zu treffen, wenn Gefahr für ein offenes, demokratisches und gedeihliches Zusammenleben besteht, ist unabdingbar und funktioniert in Österreich auch.

Auch für die anerkannte islamische Gemeinde in Österreich stellen diese fundamentalistische Moscheen und ihre Besucher ein großes Problem dar. Seit vielen Jahrzehnten tritt die islamische Gemeinde für ein integratives und offenes Verhältnis zur Gesellschaft in Österreich und zum demokratischen Staat ein. In ihrer Auseinandersetzung mit dem religiösen islamistischen Fundamentalismus muss sie unterstützt werden. Denn sie muss in erster Linie die weltanschauliche Auseinandersetzung mit derartigen Sekten führen, genauso wie andere anerkannte Religionsgemeinschaften sich mit sektiererischen und fundamentalistischen Strömungen auseinandersetzen, die sich auf ihre Grundwerte zu beziehen scheinen.

Auch die Mehrheit der MuslimInnen ist irritiert.

Wo Fundamentalismus auftaucht, braucht es daher nicht nur Kontrolle, sondern auch den Dialog mit gemäßigten Kräften, braucht es Stärkung der überwiegenden Mehrheit, die wohl ebenso frappiert über die Ansichten des Imam ist wie ein durchschnittlicher Katholik über die Hexenverbrennung. Es braucht Wissen, es braucht Information, und es braucht die Sicherheit, dass Zusammenleben auch weiterhin möglich ist. Ein aufgeklärtes Verhältnis von gesellschaftlichem Zusammenleben auf der einen Seite und der politischen Organisationsform eines modernen demokratischen Staates auf der anderen garantiert den Menschen einen Zugewinn an individueller Freiheit, an Humanität und Recht. So unerfreulich die Worte des Imam auch klingen: derartig mittelalterliche Vorstellungen über das soziale Zusammenleben der Menschen geraten tagtäglich in Widerspruch zum Alltagsleben der Menschen. Zu absurd, zu weltfremd sind solche Überzeugungen für den Großteil der Menschen. Diese aber gilt es zu gewinnen, denn: Ausgrenzung führt nirgendwohin, Integration eröffnet Wege.



Dieser Artikel erschien am 22. Juli 2005 als Gast- kommentar von Thomas Blimlinger in "Die Presse".

Linktipp:

Thomas Blimlinger im Gespräch am Markt.

Integration braucht den Dialog.

 

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