Wie verändert das Fahrrad die Stadt?  

Wolfgang Leitner

hat Raumplanung studiert, ist Fahrradhändler und seit Jahrzehnten begeisteter Radfahrer. 2004 gründete er gemeinsam mit Johann Wick den Verein ig fahrrad, aus dem ein Jahr später auch ein Fahrradgeschäft hervorging.

Als ich damals, in den 80ern, nach Wien kam, bewegte ich mich noch wie ein Fremdkörper durch die Stadt.

Die Straßen waren laut, voll und chaotisch, und mittendrin fuhr ich mit meinem Mountainbike. Radwege gab es so gut wie keine, also hielt man sich möglichst weit am Rand und schaute an Kreuzungen lieber dreimal, weil Autofahrer:innen schlicht nicht damit rechneten, dass da noch jemand kommen könnte. Manchmal blieb aber doch jemand stehen, ließ das Autofenster hinunter und fragte: Was machen Sie denn da?

Fast vierzig Jahre später gehören Fahrräder und Lastenräder zum Straßenbild.

Und manchmal, wenn ich sehe, wie viele Menschen inzwischen durch Wien radeln, muss ich selbst darüber staunen, was in dieser Zeit passiert ist. Denn wie viele Menschen sich für das Fahrrad entscheiden, hängt unmittelbar davon ab, wie viel Platz und Sicherheit wir ihnen auf unseren Straßen geben. Umgekehrt verändert jeder Meter, den wir dem Fahrrad geben, auch die Stadt: Straßen werden ruhiger, Wege sicherer und es entsteht Raum für Bäume, fürs Gehen und für Begegnung.

Vorfahrt fürs Fahrrad

Neubau hat dem Fahrrad in den vergangenen Jahren deutlich mehr Platz gegeben. In der Zieglergasse und Neubaugasse stieg der Radverkehr nach der Umgestaltung bis 2022 um rund 25 Prozent. Auch Projekte wie die Bernardgasse und der Ausbau rund um den Urban-Loritz-Platz führen diesen Weg weiter.

Was passiert, wenn ein Bezirk dem Fahrrad mehr Raum gibt, lässt sich in Neubau gut beobachten. 

Weil das Viertel sehr dicht bebaut ist und der Platz auf der Straße knapp, ist jede Veränderung auch eine Entscheidung darüber, wie dieser Raum verteilt wird. In den vergangenen Jahren wurden Einbahnen für den Radverkehr geöffnet, Radstreifen und neue Verbindungen geschaffen und zahlreiche Straßen verkehrsberuhigt.

Für mich hat sich dadurch verändert, wie man den Bezirk erlebt. Wenn ich heute durch mein Grätzl radle, treffe ich ständig Menschen, die ich kenne. Man grüßt sich, bleibt kurz stehen, wechselt vielleicht ein paar Worte. Man sieht die Kinder in die Schule spazieren, riecht den Bäcker früh am Morgen und im Frühling die blühenden Bäume. Jemandem der im Auto sitzt entgeht all das.